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Die Trennung

Wieder einmal verbrachte Jonas das Wochenende bei seinen Großeltern. Keine Frage, er mochte seine Großeltern, aber ihre Geschichten waren so Sterbens langweilig. „Mein Gott, stell dich nicht so an.“, sagte seine Mutter immer. „Wenn sie nicht mehr da sind, wirst du auch traurig sein.“
Und sein Vater sagte immer: „Je älter, je wunderlicher.“

Jonas saß im Wohnzimmer und musste grinsen, als ihm dieser Spruch einfiel. Gelangweilt stand er auf und begann ein bisschen in den Schubkästen zu stöbern. Das machte er einfach zu gerne. Ganz hinten aus einem der Schubkästen zog er dann auch eine eingedellte Metalldose hervor, auf der sich eine dünne Staubschicht abgesetzt hatte.

Neugierig öffnete er sie und sah hinein.
Upps – was war denn das? Ein paar Briefe und Bilder.
Jonas betrachtete die Bilder genauer. Waren das nicht seine Großeltern?
Seine Augen fingen an zu glänzen und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Moment, waren dass dann vielleicht Liebesbriefe?
Jonas hatte das Gefühl wie ein Sechser im Lotto. Das war doch mal was.
Insgesamt waren es 5 Briefe. Jonas sah sich das Datum der Stempel an und öffnete den ersten Brief und fing an zu lesen.


Hallo mein geliebter Schatz,

Ich vermisse Dich. Warum habe ich nicht eher reagiert. Jetzt sind die Grenzen dicht und ich kann nicht mehr einfach zu Dir kommen.
Es ist wirklich gefährlich geworden, seine Meinung zu äußern und viele unserer Freunde die noch versucht haben über die Grenze zu kommen, wurden verhaftet.

Ich hoffe dieser Brief schafft es zu Dir, ohne das er aufgefunden wird. Ich habe jemanden gefunden, der ihn über die Grenze schmuggeln kann.
Ich mache mir Sorgen um meine Eltern, sonst hätte ich schon längst versucht zu dir zu kommen. Aber was wird dann aus ihnen. Obwohl sie sagen, sie seien schon alt und ich solle auf sie keine Rücksicht nehmen. Aber ich weiß nicht wann ich sie wiedersehen werde, wenn ich erst mal den Entschluss gefasst habe zu verschwinden. Oder ob sie dann überhaupt jemals wiedersehen werde.

Oh, wie ich dich vermisse. Deine weichen Hände, die zärtlich durch meine Haare fahren. Deine Lippen die warm und süß auf meinen liegen.
Gib mir noch etwas Zeit. Ich liebe Dich und möchte dich trotz dieser schrecklichen Umstände nicht verlieren.

Vergiss nicht. Ich liebe Dich.

Dein Karl


„Oma!“, rief Jonas laut nach seiner Großmutter, da diese in der Küche stand.
„Was denn, Schätzchen?“, kam es aus der Küche zurück. „Komm mal her, ich muss dir etwas zeigen, was ich gefunden habe.“
„Was denn?“, fragte seine Oma, während sie sich die nassen Hände an einer Schürze trocknete.

„Sieh mal.“, murmelte Jonas aufgeregt.
„Ach Gott, die hab ich noch?“, seine Großmutter setzte sich neben ihn aufs Sofa und nahm die Bilder in die Hand.
„Ja, mein Karl war ein ziemlich gutaussehender stattlicher Bursche. Nicht wahr?“, schmunzelte sie und betrachtete die Bilder.
„Oma, da waren auch Briefe in der Dose.“, meinte Jonas und zeigte auf die Briefe.

„Es war damals nicht leicht für uns.“, meinte seine Großmutter als sie die Briefe mit einem nostalgischen Blick in die Hand nahm. „Nein, gar nicht leicht.“, wiederholte sie.
„Warum?“, fragte Jonas. „In dem steht was von Trennung und nicht zusammen kommen. Was meinte Opa damit? Ihr wart doch zusammen.“

„Du kennst das ja nicht mehr. Die Teilung von Deutschland in Ost- und Westdeutschland,“, fing Oma an. Jonas schüttelte den Kopf. „Aber wir haben es in der Schule durchgenommen.“, meinte er.
„Weißt du, als Opa und ich uns kennen gelernt haben, gab es noch keine Grenze. Die kam erst später. Und nicht weit von hier verlief ja später die Grenze.
Er wohnte in Thüringen und ich in Hessen. ‚Anfangs war es kein Problem. Ich fuhr zu ihm, er kam zu mir. Dann plötzlich wurde es immer schwieriger und irgendwann waren die Grenzen dicht.
Diese Briefe stammen noch aus dieser Zeit.“, erzählte Oma.
„Und wie habt ihr es geschafft wieder zusammen zu kommen?“, Jonas war ziemlich neugierig. Das war ja mal eine Geschichte, die nach Abenteuer roch.
„Das war schon ganz schön schwierig. Weil dein Opa musste damals aus der DDR flüchten. So richtig heimlich in einer Nacht- und Nebel-Aktion. Und die Briefe erzählen die Geschichte bis es soweit war.“, erzählte sie weiter.
„Cool.“, hauchte Jonas begeistert. „Nicht Cool, was glaubst Du was ich für eine Angst um ihn hatte. Wir bekam ja doch einiges mit und niemand wusste was mit den Leuten passiert, die geschnappt wurden.“
„Und wie hat es Opa geschafft?“, Jonas wurde immer neugieriger.
„Ließ doch noch die anderen Briefe.“, meinte Oma, „und den Rest erzähle ich dir gerne.“

Jonas öffnete den zweiten Brief.

Hallo mein wunderschöner Engel.

Ich habe mich entschieden. Ich werde versuchen zu dir zu kommen.
Ich weiß nur noch nicht wie. Edwin will auch mitkommen. Wir versuchen gerade ein paar Möglichkeiten auszuspähen, wann und wo wir rüber könnten.
Bis jetzt mussten wir feststellen, dass es wohl nicht einfach werden wird. Die Grenzübergänge werden ziemlich streng überwacht. Und überall sind Kontrolltürme mit Wächtern die alles überblicken. Also wird es wohl nichts mit über Zaun klettern oder so. Haben wir auch von vorneherein ausgeschlossen. Irgendwie sind wir schon etwas verzweifelt. Bitte bete für mich, dass wir es schaffen.
Dass ich dich bald in meinen Armen halten werde.
Morgen werden wir in eine Bibliothek gehen und mal schauen, ob wir dort etwas Hilfreiches finden können.
Drück uns deine Daumen.
Ich liebe Dich.

Dein Karl


„Wow, das war ja mal ganz schön hart.“, dachte Jonas und machte sich neugierig sofort an den dritten Brief.
Hallo mein süßer Engel.

Ich hoffe die letzten zwei Briefe sind ungeöffnet bei dir angekommen. Ich liebe Dich.
Habe ich dir das eigentlich schon mal gesagt oder geschrieben? Ich hoffe doch. Wir haben schon eine Idee, müssen aber erst mal sehen, ob es funktionieren könnte. Ich will nicht zu viel schreiben, da wenn dieser Brief abgefangen werden sollte und dich nicht erreicht, es schlecht ausgehen könnte.
Das hier ist ein Überwachungsstaat. Keinerlei Freiheiten.
Ich will nur noch hier raus und hoffe du wirst mich erwarten.
Wenn dich der nächste Brief erreicht, hoffe ich dir ein Datum und ein Treffpunkt nennen zu können.

Ich liebe dich von ganzem Herzen.

Dein Karl

Das war ja richtig spannend. „Oma, wie hat Opa es den geschafft, zu dir zu kommen?“, fragte er seine Oma.
Seine Oma sah in schmunzelnd an. „Das erzähle ich dir, wenn du alle Briefe gelesen hast.“, erklärte sie geheimnisvoll.

Jonas schnappte sich den vierten Brief und öffnete ihn gespannt.

Hallo mein Engelchen.

Ich liebe Dich und – Juhu – wir haben eine Möglichkeit gefunden. Es ist etwas riskant, das gebe ich zu.
Aber ich hoffe Dich schon bald im Arm halten zu können.
Wir werden bald einen Probelauf starten. Und wenn alles klappt, bin ich in zwei Wochen vor deiner Tür. Ich hoffe, nein, ich bete, dass deine Tür für mich noch offen ist. Da ich nichts von dir hören kann, muss ich mich auf unsere Liebe verlassen.
Ich freue mich so, dich wieder in meinen Armen halten zu können. Dich zu drücken und zu küssen.
Wie ich dich vermisse.

In Liebe Dein
Karl

„Und jetzt den letzten.“, triumphierte Jonas, „Dann musst Du mir aber alles haarklein erzählen.“


Hallo mein süßer Engel,

wir haben es geschafft. Wir haben einen Fluchtplan. Der Probelauf, so man dazu sagen kann, war ziemlich vielversprechend und wenn das Wetter mitspielt hoffe ich mal dass alles funktioniert wie wir es geplant haben.
Heute ist der 15. und in 10 Tagen werden wir uns an die Ausführung unseres Planes machen.
Aber ich werde wohl nicht allzu viel mitnehmen können.
Ich hoffe du nimmst mich auch mit wenig.
Das meiste was ich dir erst mal geben kann ist meine große Liebe zu dir.

Ich habe ja schon etwas Angst, dass jetzt noch was schiefgehen könnte. Auch meine Eltern sind nervös. Sie drücken aber jetzt schon die Daumen. Das schwierigste an der ganzen Sache ist, die Vorbereitungen zu treffen, ohne dass jemand etwas merkt. Es ist schwierig, weil man nicht mehr weiß, wem man trauen kann und wem nicht.
Gott bin ich froh, wenn ich hier verschwinden kann.
Aber noch wichtiger ist, dass ich Dich endlich in den Armen halten kann.

Ich liebe dich über alles.

Dein Karl

„Och Mann, da steht ja auch nichts Genaues. Und ich dachte schon, dass er wenigstens in seinem letzten Brief mehr schreiben würde.“, maulte Jonas. „Wie haben sie es jetzt eigentlich geschafft?“
„Ja weißt du, als ich den letzten Brief bekommen habe, habe ich mir solche Sorgen gemacht. Dein Opa konnte mir damals nichts Genaueres schreiben. Wenn einer der Briefe damals in die Hände der Stasi, also der Staatssicherheit, gelangt wäre, wäre dein Opa bestimmt verhaftet worden und ich hätte lange nichts von ihm gehört.“
„Mann Oma, mach es doch nicht so spannend, wie hat Opa es geschafft?“, Jonas wurde ganz hibbelig vor Aufregung.
Jonas Oma fing plötzlich an zu kichern. „Also, ich sag es mal so, er wollte mich gerne in die Arme nehmen und fest an sich drücken, aber ich bin lieber ein paar Schritte abgehauen.“
„Du wolltest Opa nicht?“, fragte Jonas fassungslos. „Ich wollte ihn schon, nur in diesem Moment nicht.“, lachte Oma. „Du hättest wohl genau so reagiert.“ „Warum?“
„Opa hat gestunken wie ein Jauchefass.“, lachte Oma. „Jauchefass?“, Jonas verzog angewidert seine Mine.
„Wie ein Jauchefass.“, bestätigte Oma lachend.

„Nun, dein Großvater und sein Freund Edwin sind auf die Idee gekommen, durch Abwasserkanäle zu wandern.
Die Grenze wurde auch durch mehrere Ortschaften gezogen, die dadurch geteilt wurden.
Nun hatten dein Großvater und sein Freund bei ihren Nachforschungen herausgefunden, dass bei einem dieser Dörfer ein ziemlich gut ausgebautes Abwassersystem angelegt wurde, welches auch abgelegene Aussiedlerhöfe anschloss, was damals gar nicht so üblich war. Also haben sie ein bisschen Nachgeforscht und sind zu der Ansicht gekommen, dass sie es so versuchen wollten.
Sie haben dann auch einen verbarrikadierten Zugang in das Kanalsystem gefunden. Aber da es ja durch die Aussiedlerhöfe noch in Betrieb war… Naja, du kannst es dir ja vorstellen. Oder lieber nicht.“, grinste die Großmutter.
„Opa und Edwin sind dann nachts dorthin. Sie mussten aber auch wenn es etwas von der Grenze entfernt war aufpassen, dass ihnen keine Patrollie begegnete. Mit einem Kompass bewaffnet haben sie sich auf den Weg gemacht. So wie dein Großvater erzählte, sind sie geraume Zeit durch das Abwassersystem gewandert, oder auch gekrochen. Denn es war wohl nicht überall so hoch, dass sie stehen konnten.
Ihr Hauptproblem bestand am Ende darin, dass sie zwar wussten, in welche Richtung sie unterwegs waren, aber nicht ob sie auch weit genug durch die Kanäle gewandert sind. Sie konnten also nur schätzen wie weit sie gekommen waren. Außerdem mussten sie mit der Luft aufpassen. Wenn der Sauerstoffgehalt zu sehr abgenommen hätte, hätte es ihr Ende bedeutet.“, erzählte die Großmutter weiter.
Jonas starrte sie mit offenem Mund an. „Iiiiih. Ich wäre da nicht durch.“, behauptete er.
„Ich wollte es auch nicht glauben. Aber ich habe es gerochen.“, meinte Oma trocken und Jonas fing an zu lachen.
„Aber sie haben es geschafft!“, meinte Jonas. „Ja. Sie haben es geschafft. Das Bäuerchen von dem Aussiedlerhof, bei dem sie wieder das Tageslicht, oder in ihrem Fall eher das Mondlicht erblickten, muss, laut deinem Großvater, auch ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut haben. Erst recht als sie fragten: Sind wir im Westen?“
„Aber haben die den überhaupt nicht an die Abwassersysteme gedacht?“, wunderte sich Jonas immer noch.
„Da die Bewohner der Orte, umgesiedelt wurden und die Dörfer zu Sperrzonen wurden, hat man sich wohl gedacht, dass es nicht so wichtig wäre. Es war immer so, dass die Aussiedlerhöfe Sickergruben hatten, indem das Abwasser gesammelt wurde und regelmäßig abgepumpt wurde. Dass das bei diesem einen Ort nicht so war, wurde einfach übersehen. Und dein Opa und sein Freund sind zufällig darauf gestoßen.“, erklärte Jonas Oma.
„Aber Opa musste bestimmt Stundenlang duschen!“, überlegte Jonas.
„Na aber hallo. Erst mal tüchtig mit heißem Wasser abgeschruppt und dann in Tomatensaft gebadet.“
„In Tomatensaft?“, Jonas schüttelte sich vor Lachen. „Tja, ich hatte mal gelesen, dass in Amerika, die Menschen in Tomatensaft baden, wenn sie auf ein Stinktier getroffen waren. Und da dachte ich, was bei denen wirkt kann hier auch helfen.“, lachte seine Oma mit.
„Und hat es geholfen?“, fragte Jonas. „Er roch danach zumindest nach Tomatensuppe, was wesentlich besser war.“
Jonas starrte seine Großmutter an. „To-ma-ten-sup-pe?“, japste er, da er einen vollen Lachflash hatte, der ihm die Luft nahm.

In diesem Moment öffnete sich die Wohnzimmertür und sein Großvater kam herein.
„Ich habe die Einkäufe in die Küche gestellt. Übrigens, es gab Tomatensuppe im Angebot. Da hab ich welche mitgebracht.“, meinte er.
Jonas sah seinen Großvater an. Dann viel er vor Lachen von der Couch. Auch seine Großmutter fing lauthals an zu lachen.
„Was ist denn in euch gefahren?“, fragte er verständnislos. „Tomatensuppe…“, hauchte Jonas unter Lachtränen.
Sein Großvater sah auf seine Frau. Dann sah er die Bilder und die Briefe.
„Du hast ihm doch nicht davon erzählt?“, fragte er. Jonas Großmutter nickte nur.
„Das war damals gar nicht witzig.“, sagte Großvater. „Damals nicht, aber jetzt schon ein bisschen.“, meinte Jonas, „Zumindest was die Tomatensuppe betrifft. Der Rest war eher ziemlich spannend.“
„Naja, das Ende mit der Tomatensuppe hättest du ja auch für dich behalten können.“, maulte Großvater noch. „Hätte ich, aber das lockert die Spannung nach der Geschichte etwas auf.“, meinte Großmutter.
„Außerdem warst du danach wirklich lecker.“, meinte sie und nun lachte auch Opa, während Jonas sich schüttelte und meinte: „Das will ich lieber gar nicht so genau wissen.“

Nun lachten alle Drei und während Oma in der Küche zum Abendessen Tomatensuppe zubereitete, erzählte Opa, Jonas ganz genau, wie es damals abgelaufen ist.
16.9.17 09:34
 
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